Brunnenviertel.Wedding

Bunt Gemischtes aus der Mitte von Berlin

Über Comics, Schätze und Erinnerungen

buecherwandVon Krimi bis Sachbuch: Verschiedene Bücher beschäftigen sich mit dem Brunnenviertel. Franz Havel hat sie gelesen.

In den 80er Jahren, als ich ein Kind war, wurde im damals so bezeichneten Westfernsehen viel von den Brüdern und Schwestern im Osten gesprochen. Für die sollten Lichter in Fenster gestellt oder Pakete verschickt werden. Auch ich war als Empfänger eines solchen Westpaketes also Empfänger von Solidarität und habe gelernt, dass es wichtig ist, den Anderen nicht zu vergessen. Gleichzeitig kam es mir als Kind natürlich merkwürdig vor, im Westen hinter der Mauer einen symbolischen Bruder oder eine gedachte Schwester zu haben.

Mauererinnerung ist oft Erinnerung an die frisch errichtete Mauer, als Familien, Freunde oder Kollegen getrennt wurden. Zum Beispiel findet sich in Berlin – Geteilte Stadt: Zeitgeschichten von Buddenberg/Henseler der auf einer wahren Begebenheit beruhende Comic „Das Krankenhaus an der Mauer“. Der Comic spielt direkt in meiner Nachbarschaft auf dem Gebiet der Mauergedenkstätte und erzählt von Ernst Mundt, der bei seinem Versuch, die Mauer zu überwinden, um zu seiner Mutter zu kommen, erschossen wurde. Henseler/Buddenberg haben auch das Büchlein Tunnel 57 herausgegeben. Auch darin findet sich Mauergeschichte als Comic verarbeitet. Man hat offenbar die Generation meiner Kinder im Blick. Die können weder mit der emotionalen Rede von Brüdern und Schwestern etwas anfangen, noch mit ihrem Geschichtsunterricht. Vielleicht erreicht sie der Comic.

In „Tunnel 57“ geht es um einen Fluchttunnel. Natürlich ein Thema für den Verein Berliner Unterwelten, der 2012 sein 15-jähriges Bestehen feierte und das Buch „15 Jahre ‚Berliner Unterwelten e.V.’“ (bereits vergriffen) herausgab. Für Brunnenviertler mit Interesse an ihrem Kiez und Jogger aus angrenzenden Kiezen ist vor allem das Kapitel „Flakturm Humboldthain“ interessant. Mit großen farbigen Fotos feiert der Verein, der sich selbst in Anführungszeichen setzt, sein seit 15 Jahren anhaltendes kataphiles Interesse (das seltsame von den Unterweltlern geführte Wort kataphil steht zwar nicht in meinem Duden, klingt aber gut).

Seltsam ist auch, was die Schätzefinder des Flohmarkts Mauerpark so entdecken (der Flohmarkt liegt im Gegensatz zum Mauerpark im Wedding, so dass ein Teil der Mehrwertsteuer an den Bezirk Mitte fließt). Thomas Henk Henkel hat in dem Buch Schatzsucher. Menschen auf dem Mauerpark Flohmarkt Berlin besondere Menschen und besondere Käufe vor schlichtem Hintergrund fotografiert. Sehr amüsant, in diesem Bildband zu blättern. Wozu Wladimir Kaminer zu Wort kommen muss, ist mir allerdings nicht ganz klar.

Um Verschwendung geht es in Berliner Asche von Matthias Eberling. In diesem Krimi, mit der vom Autor bekannten eigenen Ironie geschrieben, spielen politische Brandstifter, Linksextreme, Rechtsextreme, Mafiosi und Immobilienmagnaten mit. Und mittendrin stehen Jan Mardo und sein vegetarisches Restaurant in der Brunnenstraße. Matthias Eberling arbeitet nicht mehr im Brunnenviertel, sondern lebt nun auf einem Weingut im Westen. Ob er genug Stoff gesammelt hat, damit Jan Mardo noch ein weiteres Mal durch unseren Kiez streift?

Einen ganz speziellen Streifzug unternahm Henning Rogge 1983 in seinem Buch Fabrikwelt um die Jahrhundertwende am Beispiel der AEG Maschinenfabrik in Berlin-Wedding. Dieses Buch ist bereits selbst Geschichte, da der Autor noch vom Bezirk Wedding spricht, während Wedding heute nur noch den Ortsteil Wedding außerhalb des Brunnenviertels meint. Auch eine schöne Form von Solidarität, wenn der Universitätsgelehrte im Vorwort zur Rettung von Dias aus dem AEG-Archiv schreibt: „ … die AEG-Brunnenstraße darf nicht untergehen.“

Text: Franz Havel, Foto: Dominique Hensel

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Dieser Eintrag wurde am Dezember 7, 2013 von veröffentlicht.

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