Brunnenviertel.Wedding

Bunt Gemischtes aus der Mitte von Berlin

Erinnern Sie sich noch an …?

StolpersteineGedenktafeln und Stolpersteine helfen beim Gedenken an Schicksale aus dem Kiez. Corinna Neinaß hat sich danach umgeschaut:

Nicht über jedes Ereignis oder bedeutende Persönlichkeit wird ein Film gedreht oder ein Buch geschrieben. Sich zu erinnern lohnt sich allemal, auch oder gerade hier im Brunnenviertel. Straßen sind zum Beispiel nach Dichtern oder Komponisten benannt, wie die Gleim- und die Graunstraße. An einigen Häusern befinden sich auch Gedenktafeln. Seit Anfang des Jahres kann man auf dem Internetportal http://www.gedenktafeln-in-berlin.de mehr über sie erfahren oder sie überhaupt erst entdecken.

Die Gedenktafel an der St. Afra Kirche hatte ich schon selbst entdeckt, da ich mir die wenigen Altbauten im Viertel meist genauer anschaue. Hier wohnte von 1905 bis 1906 während seines Studiums Robert Schumann. Damals hatte er wohl kaum geahnt, dass sein ehemaliges Wohngebäude nach dem Zweiten Weltkrieg im französischen Westsektor Berlins stehen sollte. Er wurde zum Außenminister Frankreichs und zum ersten Präsidenten des Europäischen Parlaments. Er gilt gar als „Vater Europas“. Und klar, dass ich ihn erwähne. Schließlich wird dieses Heft auch mit EU-Geldern gefördert.

gedenk_furrerÜber einen idyllischen Hof erreiche ich die Swinemünder Straße. An dem großen orangefarbenen Gebäude kann man zwar immer noch „Stadtbücherei“ lesen, aber seit zwei Jahren steht es leer. In dem großzügigen Eingangsbereich hing bis dahin eine steinerne Gedenktafel. Sie befindet sich jetzt im dreistöckigen Gebäude nebenan und ehrt Hugo Heimann, der nach englischem Vorbild 1899 eine umfangreiche öffentliche Bibliothek gestiftet hatte. Als wohlhabender Verleger und sozialdemokratischer Abgeordneter engagierte er sich für die Bildung der Arbeiter.

Chancengleichheit bereits vor über hundert Jahren. Diesem Anspruch Hugo Heimanns ist die Bibliothek mit ihren überaus freundlichen Mitarbeiterinnen treu geblieben. Seit zehn Jahren profiliert sie sich als Bibliothek für Jugendliche und junge Erwachsene. Wer sie noch nicht kennt, schnell in die @hugo-Jugendmedienetage. Mit dem Besuch sollte man auch nicht zu lange warten, denn bald steht der nächste Umzug an, in eine neue Mittelpunktbibliothek in der Müllerstraße. Mit der Bibliothek wird dann nach über 35 Jahren auch die Gedenktafel aus dem Brunnenviertel verschwinden.

Ursprünglich wurde sie in der Badstraße aufgehängt, wo 1950 in der damaligen Bibliothek auch die Namensverleihung stattfand. Hugo Heimann erfuhr davon noch vor seinem Tod in New York. 1939 war er in die USA emigriert. Nach dem Krieg wurde ihm die Ehrenbürgerwürde Berlins erneut verliehen, nachdem die Nazis sie ihm wegen seiner jüdischen Herkunft aberkannt hatten.

Vielen Menschen gelang es jedoch nicht, zu emigrieren oder sich zu verstecken. Um an die Opfer der NS-Zeit zu erinnern, initiierte der Künstler Gunter Demnig sein Projekt der Stolpersteine. Es sind Gedenktafeln aus Messing, die vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer verlegt werden. Auf der Website http://www.stolpersteine-berlin.de kann man erfahren, wo hier im Brunnenviertel Stolpersteine liegen und auch, wie man sich für dieses Projekt engagieren kann.

Ohne das Engagement der Nachwelt gibt es kein Erinnern. Eine Tafel möchte ich noch erwähnen, die der Weddinger Heimatverein e.V. in der Brunnenstraße 135 mit Unterstützung der degewo anbringen ließ. Ohne das neue Internetportal hätte ich sie vielleicht nie entdeckt, denn die braungetönte Tafel hebt sich kaum von der Fassade ab. In den 60er Jahren stand hier noch ein Altbau, der im Zuge der Stadterneuerung abgerissen wurde. Dort wohnte von 1963 bis 1967 Prof. Dr. Reinhard Furrer, damals noch Physikstudent. Der spätere Wissenschaftsastronaut (Furrer flog 1985 mit dem Space Shuttle Challenger als dritter Deutscher ins All) hatte 1964 am so genannten „Tunnel – 57“ in der Strelitzer Straße mitgebaut. Durch den Fluchttunnel gelangten 57 Personen aus Ost-Berlin unter der Mauer in die ersehnte Freiheit.

Die Erinnerung an die Berliner Mauer ist in der Bernauer Straße fast überall gegenwärtig. Jedes Jahr gibt es Gedenkveranstaltungen, die Straße selbst ist eine Erinnerungslandschaft. Doch auch, wo man zunächst nichts hört und sieht haben Menschen gewohnt, an die wir uns erinnern können. Vielleicht auch nur leise. Die Gedenktafeln und Stolpersteine helfen dabei.

Internethilfe für das Erinnern
Seit Anfang des Jahres gibt es das Internetportal http://www.gedenktafeln-in-berlin.de. Auf der Website, die von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand herausgegeben wird, sind 2914 Orte des Gedenkens im gesamten Stadtgebiet aufgeführt. Man kann sie nach Personen, Ereignissen, Straßen oder Bezirken abrufen. In unserem Ortsteil Gesundbrunnen sind 50 Tafeln verzeichnet. Sie erinnern an Opfer der Berliner Mauer, wie an der Bernauer Straße, an die polnischen Zwangsarbeiter, die bei AEG beschäftigt waren, oder an bedeutende Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt oder Hugo Heimann.

Test und Fotos: Corinna Neinaß

Corinna Neinaß ist Diplom-Dolmetscherin für Englisch und Spanisch und führt seit 20 Jahren Gäste durch Berlin. 2007 zog sie ins Brunnenviertel und erschließt sich von hier aus Themen für neue Stadttouren, wie zum Beispiel Industrie- und Wohnarchitektur.

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Dieser Eintrag wurde am Dezember 7, 2013 von veröffentlicht.
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